Wir begrüßen das Jahr 2018 ....

Feuerewerk ... mit einer Buchvorstellung zum 200. Geburtstag von Karl Marx:

Bergheim 

Folge 4: Herr Bergheim empfiehlt:

Kannst du Karl Marx lesen und verstehen? Solltest du es tun?

Im Februar 1848 erschien, gedruckt durch das Büro der ‚Bildungsgesellschaft für Arbeiter’, Liverpool Street Nr. 46, London, eine 23 seitige Broschüre, ein politisches Pam-phlet, welches der noch 29jährige Karl Marx als Auftrags-arbeit für den ‚Bund der Kommunisten’ verfasst hatte.

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Die dünne Schrift, gemeinhin als >Das kommunistische Manifest’< bekannt, 2013 zusammen mit dem Band 1 des ‚Kapital’ von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, begründet bis heute den Ruhm des Autors und zählt zu den wirkmächtigsten Aufsätzen der Geschichte. Eric Hobsbawm, einer der renommiertesten britische Historiker für das lange 19. Jahrhundert, formulierte diese Bedeutung 1998 in seinem lesenswerten Vorwort zur erneuten Veröffentlichung des ‚Kommunistischen Manifest’[1] eindringlich:

„Kurz, was 1848 einem unvoreingenommenen Leser als revolutionäre Rhetorik oder bestenfalls als plausible Prognose erscheinen mochte, kann heute als eine knappe Beschreibung des Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Von welchem Dokument der 1840er Jahre lässt sich das sagen?“

Vermutlich fiele sein Urteil im Jahr 10 nach der Weltfinanzkrise von 2008 pointierter aus. Zugegeben hat Eric Hobsbawm zeit seines wissenschaftlichen Arbeitens Marx und seine Analyse des Kapitalismus als einen bedeutenden heuristischen Ansatz für die historische Arbeit angesehen und so mag er als Gewährsmann für die Relevanz einer Marx Lektüre im Jahr 2018 nicht jeden überzeugen.

Allzu schnell wird Karl Marx 200 Jahre nach seiner Geburt noch ahnungslos mit Marxismus, gar Kommunismus gleichgesetzt und dabei werden Erfindungen gedacht, die erst nach Marx Fahrt aufnahmen.[2] Marx - unmittelbar oder mittelbar - für die Staatssozialistischen Experimente und Verbrechen des 20 Jahrhunderts verantwortlich zu machen und seine politisch ökonomische Theorie oder seine philosophischen und historischen Schriften zusammen mit den Untergang der Sowjetunion als historisch überwunden zu betrachten, ist jedoch historisch naiv und eher politisch motivierter, intellektueller Selbstbeschränkung als einer reflektierten Erkenntnis im 21 Jahrhundert geschuldet.

Vielleicht ist der französische Präsident ein überzeugenderer Kritiker als der britische Historiker. Emanuel Macron, der 2008 eine Position bei der renommierten Pariser Investmentbank ‚Rothschild & Cie’ erhielt, bei der er 2010 Partner wird und 2012 eine der größten Firmenübernahmen des Jahres - im Wert von fast 12 Milliarde Euro - abwickelt, empfiehlt auf die Frage der Zeitschrift ‚Elle’, welche Lektüre er jungen Franzosen empfehle, „Das Kapital von Karl Marx“, um die Welt zu verstehen. [3]

„Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation[4] des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum größten Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoff, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeiten der Nationen voneinander. ...Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischen Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, ... .“ (s. Anmerkung 1, S 48f)

Mich lässt diese visionäre Passage an den Abbau von Coltan, einem Tantalerz, im Ostkongo denken. Aus Coltan wird Tantal gewonnen, das zur Herstellung der in nahezu jedem elektronischen Gerät verwendeten Tantal-Elektrolytkondensatoren benötigt wird. Das weltweit rare Erz wird also von uns ‚dringend’ benötigt, z.B. damit wir unseren fortgesetzten Konsum neuester Smartphones befriedigen können, möglichst kostengünstig. Im Kongo wirkt sich der Coltanabbau seit Jahrzehnten als konfliktschürend aus. Um die Coltanpreise niedrig zu halten, werden dabei von interessierten Abnehmern Bürgerkrieg, militärische und paramilitärische Konflikte, an denen alle benachbarten Staaten beteiligt sind, warlords, Kindersoldaten, Bundeswehr Einsätze (Artemis, EUSEC und EUFOR) und unsägliches Leiden der Bevölkerung im Ostkongo in Kauf genommen, wenn nicht gefördert. Aber hier schweife ich ab... .

Wiewohl auch die liberale Wochenzeitschrift ‚Die Zeit’ im Januar 2017, angesichts gieriger Manager und wachsender sozialer Ungleichheit titelt: „Hatte Marx doch recht?“ Dachte der Autor dabei an diese Zeilen?

„Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose>bare Zahlung<. Sie hat den heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt, sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.“(s. Anmerkung 1, S. 46f)

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Zurück zur Ausgangsfrage: Kannst du Karl Marx lesen und verstehen? Ja! Das Kommunistische Manifest gehört hierbei zu den uneingeschränkt empfehlenswerten ersten Texten. Statt selbst zu lesen, kannst du dir den Text auch durch Christian Brückner bei >youtube< vorlesen lassen. Solltest du es lesen? Auf jeden Fall!

Freilich ‚Das Kommunistische Manifest’ ist 1848 erschienen und eher politisches Pamphlet als Ausdruck der komplexen ökonomischen Arbeiten des Autors. So ist es >Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie’, Band I<, Marx Hauptwerk, das 1867 erstveröffentlicht wird, welches der französische Präsident und ENA Absolvent jungen Leuten zu lesen empfiehlt, um die Welt zu verstehen.

Ich erinnere, wie wir, 15jährig, in den 70iger Jahren des 20 Jahrhunderts versuchten, mal eben ‚Das Kapital’ zu lesen, einen Arbeitskreis gründeten, uns wöchentlich trafen und meinten, uns systematisch durch das Buch arbeiten zu müssen: also bei >Abschnitt 1: Ware und Geld< beginnend. Das war mühselig und schwierig!

Interesse vorausgesetzt, empfehle ich daher einen Umweg zu nehmen und dich zunächst mit Marx zu beschäftigen, indem du Schriften über Marx liest. Da Marx vor 200 Jahren, nämlich am 05. Mai 1818 in Trier geboren wurde – übrigens besuchte er dort unsere „Schwesterschule“, das bis heute existierende Friedrich- Wilhelm-Gymnasium -, erscheinen gerade einige Biographien, die die Marxlektüre vereinfachen. Einen schnellen Überblick wird Wilfried Nippels >Karl Marx< Band in der Reihe ‚C.H.Beck – Wissen’ bieten. Mit 655 und 891 Seiten Umfang wörtlich gewichtiger sind zwei gerade veröffentlichte Marx Biographien. Jürgen Neffe, schon Biograph von Einstein, Freud und Darwin, legte nun auch eine etwas schwärmerische aber leicht zu lesende Marx Biographie vor: >Marx –der Unvollendet<[6] . Inhaltlich gewichtiger –letztlich gespeist von einem ganzen Forscherleben als Historiker - ist die Monographie des Briten Gareth Stedman Jones >Karl Marx. Greatness and Illusion<[7]. In vielen Aspekten wird diese, stärker auf Historisierung angelegte Arbeit, auf Jahre hinaus den Standard setzen. Sie erfordert aber auch den längeren Atem des Lesers. So gerüstet ist dann die Lektüre des ‚Kapitals’ – vielleicht im Abschnitt 2 beginnend und später zum Fetischcharakter der Ware zurückblätternd – eine empfehlenswerte Lektüre für das neue Jahr 2018.

Anekdotischer Nachtrag: Marx wird im Februar 1848 von der belgischen Regierung aufgefordert Belgien zu verlassen. Sein Weg führt ihn in das revolutionäre Köln, wo er sich schon 1843 einmal aufhielt. In Köln führt der jüdische Armenarzt Andreas Gottschalk die revolutionären Arbeiter an. Er gehörte zu den Begründern des Bundes der Kommunisten in Köln und wirft Marx vor „Das Elend des Arbeiters, der Hunger der Armen hat für Sie nur wissenschaftliches Interesse. Sie sind erhaben über solche Misere. Als gelehrter Sonnengott bescheinen Sie bloß Parteien.“[8] Drei Jahre älter als Marx hatte Andreas Gotschalk 1835 am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln sein Abitur absolviert!

 

[1] Karl Marx und Friedrich Engels; ‚Das Kommunistische Manifest – eine moderne Edition. Mit einer Einleitung von Eric Hobsbawm.’, Argument Verlag, Leck 1999

[2] hierzu z.B.: Morina, Christina: Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte. München 2017

[3] vgl.: http://www.handelsblatt.com/politik/international/frankreichs-neuer-praesident-macron-empfielt-marx-das-kapital/19833004-2.html, 30.12.2017

[4] Exploitation = Ausbeutung, Verwertung

[5] vgl. Köckritz, Angela: >Das Mädchen und das Kapital.< In: ‚Die Zeit’ nr.:52, 14.12.2017, S 17-19

[6] Neffe, Juergen: >Karl Marx. Der Unvollendete.<, München 2017 // hierzu: J. Neffe im Gespräch mit dem Kritiker D. Scheck: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/videos/juergen-neffe-karl-marx-video-100.html, 31.12.2017

[7] Jones, Garreth Stedman: >Karl Marx. Greatness and Illusion<, London 2016 (Dt.: >Karl Marx. Eine Biographie.< Frankfurt am Main, 2017)

[8] zitiert nach Neffe, a.a.O. S. 243

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